Navigation
Malteser Lourdes Wallfahrten

Pilgerreise mit einer Wachkoma-Patientin

Kurzbericht eines Malteser-Pilgerarztes über die Mitbetreuung einer komatösen Patientin

„Können Sie meine Frau, die seit 2010 im Wachkoma ist und bei mir zuhause durch einen Intensivpflegedienst betreut wird, in Lourdes mitbetreuen?“ So lautete die Frage von Herrn S. aus Andernach, die mich Anfang 2016 erreichte. Falls „ja“, wolle er sich mit seiner 68 jährigen Frau, einem Krankenpfleger, einer Intensivkrankenschwester und einer Pflegehelferin aufmachen und in 3 Etappen per Auto nach Lourdes aufbrechen. Was für ein Mut.

Der Riesentross erreichte die speziell für Kranke eingerichtete Unterkunft „Accueil Marie Saint-Frai“ in Lourdeskurz nachdem wir am Vormittag des 2.9. mit unseren Kranken im eingetroffen waren. Zwei nebeneinander liegende Zimmer mussten die mobile Intensivstation und die Helfer aufnehmen: Infusionsständer, Absauggerät, Sauerstoffanschlüsse, Blutdruckmessgerät, Gerät zur Überprüfung der Sauerstoffsättigung mussten angeschlossen werden, Pakete mit Medikamenten, der künstlichen Nahrung sowie der umfangreichen Pflegematerialien mussten gut erreichbar untergebracht werden. Frau S. atmete spontan, musste aber häufig abgesaugt werden durch die künstliche Öffnung der Luftröhre.

Frau S. ist vollständig gelähmt, blind, wird durch einen in die Bauchdecke eingeführten Schlauch ernährt.

Sie war nie allein; die Pflege nahm viel Zeit in Anspruch, manchmal las ihr jemand vor, es wurden Witze erzählt und der Tagesablauf ihr immer wieder vorgestellt. Ihr Pflegeteam war gut aufeinander eingespielt, sodass wir als Ärzte lediglich „visitierten“, sie im Auge behielten und versuchten ihre Begleiter durch unsere exquisite Küche zu verwöhnen.

Frau S. nahm im Rollstuhl an allen Messen, der Krankensalbung und an einer Sakramentsprozession teil.

Da ein Bad im Quellwasser in der „Piscine“ in ihrem Zustand nicht möglich war, beschlossen wir, gegenüber der eine kleine Andacht speziell für sie und ihre Betreuer abzuhalten, in der ich Frau S. mit Quellwasser („bitte richtig viel“) das Gesicht wusch und die Arme und Beine übergoss und wir zusammen die beim Bad in der „Piscine“ üblichen Gebete beteten. Frau S. schauderte ob der Kälte, schien aber nicht weiter irritiert, da sie von den ihr vertrauten Menschen umgeben war.
Es passierte keine Heilung. Herr S berichtet, dass nach der sehr strapaziösen Rückfahrt in glühender Hitze Frau S. Allgemeinzustand etwas reduziert war und das Pflegeteam erschöpft. Die schon vorher bestehenden epileptischen Anfälle seien immer wieder bedrohlich.

Die Gesänge aus Lourdes, die ihr immer wieder vorgespielt würden, habe seine Frau jedoch anscheinend so verinnerlicht, dass sie sie mit einem entspannten Lächeln quittiere. Er sei glücklich, dass er diese Pilgerreise mit seiner Frau gewagt habe und ist dankbar für die ihm verliehene Kraft und seinen Glauben und für die Fürsorge und Sicherheit, die das Team der Malteser ihnen allen in Lourdes gegeben habe.